Braunschweiger Zeitung vom Mittwoch, 30. September 1998
Braunschweiger Zeitung - Logo

Ökologische Siedlung "Am Zoo" zwischen Melverode und Stöckheim: Zwischen Unkraut keimt Hoffnung

Grundstück soll jetzt scheibchenweise verkauft werden
Von Karla Götz

Was wird aus der ökologischen Siedlung "Am Zoo", die die Nahtstelle zwischen Stöckheim und Melverode schließen sollte? Die Energiepyramide, die bläulich zwischen Beifuß und Goldrute hindurchschimmert, ist einsam geblieben. Das Gerücht vom Ende der Öko-Siedlung kreist.

Architekt Hans-Harro Thiele bezeichnet sich immer noch als "hoffnungslosen Optimisten", und im Stadtplanungsamt haben "Kapazitätsgründe" die gerichtlich verordnete Wiederauflage des Bebauungsplanes um ein gutes Jahr verzögert. Die Stadt habe 1997 gegen "Kreuzweg Neun Ökologisch Bauen GmbH" geklagt, weil die Bauherren der 200 Wohneinheiten umfassenden Siedlung den Grundstückserwerb für eine laut Bundesnaturschutzgesetz notwendige Ausgleichsmaßnahme nicht zahlen wollten, faßt der Leiter des Stadtplanungsamtes, Dr. Ernst-Dietrich Heidenreich, die jüngsten Ereignisse der 20jährigen Vorgeschichte auf BZ-Anfrage zusammen. Dabei sei eine Panne passiert. Das Braunschweiger Verwaltungsgericht habe festgestellt, daß die Renaturierung einer Okerwiese statt im Bebauungs- plan in einem städtebaulichen Vertrag – und dort auch noch ungenau – geregelt war.

H.-H. Thiele
"Meine Kinder sollten hier aufwachsen und sind jetzt groß." Hans-Harro Thiele in der gläsernen Pyramide mit Blick aufs Bauland. Foto: Guntram Jordan

So müsse die Stadt Hausaufgaben machen, ehe sie die Gesellschaft KeuzwegNeun zur Kasse bitten könne. Deren Geschäftsführer und Architekt Hans-Harro Thiele winkt nur ab: Sechs Monate sollte der neue B-Plan auf sich warten lassen, Anfang September habe die Stadt schriftlich eine voraussichtliche Verzögerung bis Mitte 1999 angekündigt. Außer dem früheren Stadtbaurat Beckmann habe dort niemand die ökologische Siedlung richtig gewollt, enthüllt Thiele und fügt Schmähworte über norddeutsche Unbeweglichkeit an. "Was ich 1977 träumte, ist immer noch richtig" sagt der Mann, der in dem Projekt sein Lebenswerk sieht. Zwei Jahrzehnte Verschleppung hätten Gelegenheit gegeben, das energiesparende Konzept zu verfeinern. Zum Glück beschäftige KreuzwegNeun sich noch mit anderen Projekten wie Altbausanierung in Staßfurt (Sachsen-Anhalt).

Der Stoßseufzer "ich glaube bald selbst nicht mehr daran" rutscht dem Ökoplaner beim Rundblick auf das Wildkräuterbiotop heraus. In der Pyramide hat das Unternehmen mit fünf Mitarbeitern zwischen Holzbalken und getöntem Glas ein sehenswertes Büro bezogen, "damit das Ding nicht’ verrostet". Darunter befindet sich ein Energiekeller mit allen Hausanschlüssen für Gas, Wasser Strom, Technik zur Kraft-Wärme-Kopplung, Spitzenlastkesseln und Druckerhöhungsanlage. Ringsum liegen Tausende Quadratmeter erschlossenes Bauland samt Straße brach.

Warum sich nicht genügend Interessenten fanden? Thiele sieht die Gründe nicht im Preis von 4000 Mark pro Quadratmeter Wohnfläche. Der sei bei den Bauträgern im Umkreis nicht niedriger. Der genossenschaftliche Teilungsgedanke statt Grundstückserwerb sei es gewesen. Was in Süddeutschland funktioniere, sei für die Leute in dieser Region "ein Riesenproblem".

Zögerlich war folglich das Interesse. Auf hemmende Formfehler im Bebauungsplan folgten im Januar die Kündigung der Bank und die Forderung nach Rückzahlung des Erschließungsdarlehens in Höhe von sechs Millionen Mark. Der Geschäftsführer von KreuzwegNeun warf das Handtuch, Thiele sprang ein. "Ich halte die Handwerker still und die Bank, die zwischendrin versteigern wollte, in Schach." Der frühere Eigentümer des Rübenackers will den Grundstücksvertrag rückgängig machen.

Inzwischen wollen die Planer ihr Projekt scheibchenweise loswerden. Das erschlossene Grundstück soll in vier üherschaubaren Teilen an Bauträger verkauft, die Energiepyramide in die Hand der Stadtwerke gegeben werden. Ob es klappt, hängt nach Thieles Meinung entscheidend von der Beweglichkeit der Stadt ab. Auf die Homepage im Internet (http://www.KreuzwegNeun.com) erhalte er immerhin 25 Anfragen in der Woche.

 
| zurück |