Braunschweiger Zeitung vom Dienstag, den 19. Dezember 1997
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Verwaltungsgericht erklärt Bebauungsplan für ökologische Siedlung nichtig

Die Pyramide: allein auf weiter Flur
Von Harald Duin

Die besorgten Fragen häufen sich. Was wird aus der ökologischen Siedlung, die der Architekt Hans-Harro Thiele "Am Zoo" in Stöckheim plant?

KOMMENTAR

Noch eine Irritation

Schlappe für die Stadt: Ihr Bebauungsplan, 1995 beschlossen, ist nichtig, und das bei einer Siedlung, die nicht so recht aus den Puschen kommt. Ein unverzeihlicher Mißgriff der Stadt? Eine solche Bewertung gibt der Vorgang nicht her. Diesen Fehler konnte man machen, zumal die Stadt bei diesem Projekt Neuland betrat und die spätere höchstrichterliche Rechtsprechung nicht kennen konnte.

Freilich ist das Gerichtsurteil von einiger negativer Symbolkraft. Wie viele Irritationen kann ein Vorhaben vertragen, dessen Einzelheiten immer wieder aufwendig erklärt werden müssen. Da klingt das Prospektdeutsch der Bausparkassen eingängiger. Daß schon jetzt Stadt und Thiele vor Gericht liegen, mindert ebenfalls das Vertrauen. Und trotzdem wäre es nicht gerecht, Thiele als Utopisten abzustempeln. Er wagt immerhin etwas in einer Stadt, in der immer wieder konventionelle und langweilige Wohnhäuser entstehen. Eine ökologische Siedlung, die technisch Spitze ist und ästhetisch überzeugt, wäre auch eine Werbung für Braunschweig.

Die Klippe ist letztlich die: Diese Siedlung braucht Interessenten, die in der Lage sind, die verlangten Baupreise zu bezahlen.

Harald Duin

Energie-Pyramide - Braunschweiger Zeitung vom 19.12.97
Einsame Erscheinung. Von der Pyramide, dem Kraftzentrum der Ökologischen Siedlung, wird noch kein einziges Haus versorgt.
Foto: Rudolf Flentje

Das wohl ehrgeizigste Projekt dieser Art in Deutschland – geschätzter Aufwand 88 Millionen Mark – erhielt jetzt durch ein Urteil des Verwaltungsgerichts Braunschweig einen weiteren Dämpfer.
In dem von der Stadt angestrengten Prozeß ging es eigentlich darum, ob Thiele ihr einen Teilbetrag von 10 000 Mark (von insgesamt 75000 Mark) zahlen soll oder nicht. Die Klage der Stadt wurde vom Vorsitzendem Richter Hans-Ulrich Hirschmann mit der Begründung zurückgewiesen, der von der Stadt aufgestellte Bebauungsplan "Am Zoo" sei nichtig.
Der Hintergrund: In einem zwischen Thiele und der Stadt 1995 geschlossenen Vertrag steht auch ein Passus über ökologische Ersatzmaßnahmen, die nach dem Bundesnaturschutzgesetz notwendig werden – obwohl Thiele schon "ökologisch" bauen will. Also kaufte die Stadt ein okernahes Grundstück: eben für 75 000 Mark. Thiele bzw. seine Firma "KreuzwegNeun Ökologisch Bauen GmbH" muß nach diesem Vertrag einmal diese Summe bezahlen, dann aber auch die Realisierung der Ersatzmaßnahme. Das sind schätzungsweise 90 000 Mark.
Der Bebauungsplan ist nach Auffassung des Gerichts deshalb nichtig, weil die Stadt darin nicht beschrieben hat, wie die "notwendigen Ersatzmaßnahmen" eigentlich im einzelnen aussehen sollen.
Auch bleibe unbekannt, welche Eingriffe konkret mit Ersatzmaßnahmen auszugleichen seien. Bei seinem Urteil stützte sich das Gericht auf die neuere Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts. Mithin ist bei dem Verfahren ein Ergebnis herausgekommen, mit dem die Prozeßbeteiligten nicht im mindesten gerechnet haben.
Die Diplomingenieurin Ruth Dirks, die im Planungsamt den Text für den Bebauungsplan "Am Zoo" formuliert hatte, ist nicht gerade begeistert über das Urteil. Doch hat die Stadt die Chance, den Bebauungsplan nachzubessern. Bis zur Korrektur können allerdings leicht sechs Monate und mehr vergehen.
Trotz des Rechtsstreits und der neuen Entwicklung: die Stadt möchte die ökologische Siedlung haben. Das hat am Donnerstag Ruth Dirks noch einmal ausdrücklich bestätigt.
Das Projekt ist von Thiele, den wir am Donnerstag nicht erreichen konnten, immer wieder als ,,mein "Lebenswerk" bezeichnet worden. 194 Wohneinheiten sollen in einer Gartenlandschaft entstehen. Die Autos können in einer Sammelgarage am Rande geparkt werden. Die Pyramide ist das Symbol der Siedlung. Dieses Blockheizkraftwerk erzeugt durch die Kraft-Wärme-Kopplung Strom und Wärme gleichzeitig.
Gibt es wirklich genügend finanzkräftige Wohninteressenten, die "Am Zoo" wohnen wollen: das ist die Frage.

 
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