umweltzeitung
Ausgabe Nov/Dez97

Bekommt Stöckheim eine Ökosiedlung?
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BS-Stöckheim, neben dem Zoo, soll eine ökologische
Siedlung entstehen. Schon vor zwei Jahren berichtete die
umweltzeitung über dieses Vorhaben. Damals gingen die
Planer, die Architekten der "KreuzwegNeun Ökologisch
Bauen GmbH", davon aus, daß Anfang des Jahres 1996
die ersten Häuser dieser Siedlung entstehen würden. Im
Herbst des letzten Jahres begannen dann tatsächlich die
Bauarbeiten, doch außer der Energiezentrale der Siedlung
ist noch kein Gebäude zu sehen. Durch verstärkte
Werbung wollen die Architekten nun die geplanten Häuser
vermarkten, damit ab dem nächsten Jahr die Siedlung
Gestalt annimmt. An zwei Wochenenden im September bestand
die Gelegenheit, sich vor Ort zu informieren. Das
allgemeine Interesse an den geplanten Häusern war gro8,
konkret an den Kauf einer Wohnung gedacht haben wohl nur
wenige. Was macht diese Siedlung ökologisch? Daß die Siedlung als ökologisch angepriesen wird, macht neugierig und weckt Erwartungen. In der Siedlung am Zoo werden umweltfreundliche Baustoffe gewählt, es wird eine minimale Flächen-Versiegelung angestrebt, Wärme und Strom werden in einer Kraft-Wärme-Kopplungsanlage erzeugt und Autos werden aus dem Wohnbereich verbannt. Alles in allem wird die Siedlung - wenn sie wie geplant umgesetzt wird dem ökologischen Anspruch gerecht. Doch es bleibt nicht aus, daß auch Kritik angebracht wird. Vor allem die hohen Preise fallen auf, unter 600.000 DM wird dort keine Wohnung zu erwerben sein. Der Preis relativiert sich angesichts der recht exklusiven Lage und es ist zu berücksichtigen, daß in ihm ein Anteil für das Grundstück enthalten ist. Denn, auch das ist ein positiver Ansatz in dieser Siedlung, es wird keine einzelnen kleinen Grundstücke geben. Das Grundstück gehört letztlich allen gemeinsam. Hans-Harro Thiele beschreibt diese Lösung als einzigen Weg, um die Idee einer weitgehend autofreien Siedlung mit eigenständiger Energieversorgung umzusetzen. Anderenfalls wären Zufahrten zu den einzelnen Häusern praktisch nicht zu vermeiden gewesen. Diese, fast schon genossenschaftliche Konstruktion, schreckt jedoch manchen Interessenten vom Kauf ab. Autofrei, aber nicht autolos Zwischen den 200 Wohneinheiten soll der motorisierte Verkehr ausgeschlossen werden, den Verzicht auf einen eigenen Wagen mögen die Architekten des Planungsbüros von den Bewohnern aber nicht verlangen. Für überzeugte Autogegner erwächst hieraus der Einwand, daß die Siedlung deshalb nicht ökologisch sei. Vielleicht ist es aber doch der bessere Weg, auf die Freiwilligkeit zu setzen und potentielle Bewohner nicht von vornherein abzuschrecken. Teilweise schlechte Erfahrungen mit "Autofrei"-Versuchen in anderen Städten scheinen dem hier gewählten Ansatz recht zu geben. Die Anbindung der Siedlung an den öffentlichen Nahverkehr ist gut und auch mit dem Fahrrad kann man entlang der Oker in die City fahren. Von daher ist ein Auto für die zukünftigen Bewohner verzichtbar. Das Zurückbleiben hinter theoretisch möglichen, maximal erscheinenden Zielen findet sich auch im Wärme- und Strombereich wieder. Der Energiebedarf liegt bei 45-75 kWh pro Quadratmeter Wohnfläche und Jahr - freilich werden heutzutage auch Häuser gebaut, die mit noch weniger auskommen, die gesetzlichen Anforderungen werden aber schon deutlich unterschritten. Durch den geringen Energiebedarf ergeben sich geringere jährliche Kosten als in konventionellen Häusern. Ein Punkt mehr, der die hohen Kaufpreise ausgleicht. Als Novum in Braunschweig wird ein Nahwärmenetz erstellt. Von der Technik her ist es dem Fernwärmenetz der Stadtwerke sehr ähnlich. Durch die geringere Ausdehnung des Netzes sind die Verluste etwas geringer. Die Wärme entsteht in der Energiezentrale in einem sogenannten Blockheizkraftwerk (BHKW). Dahinter verbirgt sich ein Gas-Motor, der einen Generator zur Stromerzeugung antreibt. Die Abwärme des Motors heizt das Brauchwasser und die Wohnungen. Für sehr hohen Wärmebedarf im Winter gibt es einen konventionellen Heizkessel. Mit diesem BHKW wird auch in Braunschweig endlich für Wohngebäude eine Technik eingesetzt, die Schadstoffemissionen vermindert. Es gibt auch schon länger solche Anlagen in der Waldorfschule und dem Fraunhofer-Institut. In Wohngebieten, wo in der Vergangenheit die Möglichkeit von BHKW untersucht wurde, bevorzugten die Stadtwerke letztendlich immer konventionelle Techniken. Es bleibt zu hoffen, daß das nun vorhandene Anschauungsobjekt in der "Ökosiedlung" zu einem Nachahmungseffekt bei Stadt und Stadtwerken führt. Die Stromversorgung soll zusätzlich zum BHKW durch eine Photovoltaikanlage erfolgen. Um den Bewohnern einen vernünftigen Umgang mit Energie zu erleichtern, erhält jede Wohnung eine Anzeige, auf der der eigene Verbrauch sowie der Gesamtverbrauch der Siedlung abzulesen ist. Fernschaltbare Steckdosen dienen zur zeitlichen Optimierung des Stromverbrauchs. Ihr Ziel ist, bestimmte Stromverbraucher dann auszuschalten, wenn die Eigenproduktion der Energiezentrale nicht ausreicht und (teurer) Zusatzstrom von den Stadtwerken bezogen wird. Fazit: Das in Stöckheim entstehende Wohngebiet ist nicht an Maximalforderungen in bezug auf die Ökologie orientiert, sondern als gro8er Schritt hin zu umweltverträglichem Bauen und Wohnen konzipiert. Diesem Anspruch wird es gerecht. Als Modell für die breite Masse taugt es schon aufgrund der hohen Kosten nicht. Wer den gewählten Ansatz als nicht weitgehend genug betrachtet, der möge die Siedlung am Zoo mit dem derzeit etwas weiter südlich entstehenden "Stöckheimer Markt" vergleichen. Jörg Plesse |
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