VorOrt Magazin Juli 1997, Ausgabe Stadt und Region Braunschweig

Größte ökologische Wohnsiedlung Deutschlands entsteht neben dem Stöckheimer Zoogelände
Eigene Energiezentrale unter dem gläsernen Pyramidendach

Energiezentrale
Kraftquelle und symbolischer Mittelpunkt: In der Pyramide will Architekt Hans-Harro Thiele auch sein neues Büro einrichten.

Ansicht WB2
Natur und Technik sollen in der Stöckheimer Öko-Siedlung umweltschonend in Einklang gebracht werden.

Pyramiden-Power ist angesagt für ein spektakuläres Braunschweiger Wohnbauprojekt, das bundesweit neue Maßstäbe setzt. Die rund sechs Millionen Mark teure Energie-Pyramide für 194 geplante Wohneinheiten geht auf der grünen Wiese ihrer Vollendung entgegen. Moderne, umweltfreundliche Technik und mystische Kräfte unter dem gläsernen Pyramidendach symbolträchtig vereint – selbst die Winkelmaße stimmen mit denen der berühmten ägyptischen Vorbilder überein. Seit über 16 Jahren arbeitet der Braunschweiger Architekt Hans-Harro Thiele (58) mit seinen Kollegen zielstrebig an der Verwirklichung dieser Vision vom gesunden Wohnen in einem natürlichen Lebensumfeld. Oberstes Gebot: Sparsamster Umgang mit Boden, Wasser, Luft, Energie und Rohstoffen. Ein Konzept, das bei umweltbewußten Bauwilligen ankommt. Die Zahl der Interessenten ist groß, doch gebaut werden soll erst, wenn zusammenhängende Hausgruppen oder Reihenhäuser (Quadratmeterpreis um 4.000 Mark) Käufer gefunden haben. Beteiligt an dem 88-Millionen-Mark-Projekt (davon zwölf Millionen Mark Erschließungskosten) sind die Ökologisch Bauen GmbH als Bauherr und an der Planung neben Architekt Thiele auch die Architekten Horst Schmied und Martin Sporrer.

Eigenes E-Werk in Selbstverwaltung

Die Pyramide mit dem kunstvollen Windrotor in der Spitze ist zentraler „Lebensnerv“. Von hier aus werden alle Haushalte auf dem 51.000 Quadratmeter großen Öko-Siedlungsgelände zwischen Leipziger Straße und Zoo in Braunschweig-Stöckheim mit elektrischem Strom, Fernwärme und Frischwasser versorgt. Die Kostenersparnis soll bei rund einem Drittel gegenüber zentral versorgten Kunden der Stadtwerke liegen. Entscheidend für das umweltschonende Gesamtkonzept sind jedoch die ökologischen Vorteile eines selbstverwalteten „eigenen“ Kraftwerkes. Blockheizkraftwerke für 20 bis 30 Häuser haben sich in Modellsiedlungen bereits bewährt. Ein erweiterter Energie- und Wasserkreislauf wird laut Architekt Thiele „erst bei der von uns geplanten Größenordnung kostenmäßig interessant“. Fachleute und Lehrstühle verfolgen dieses Pionier-Projekt inzwischen bundesweit mit sehr großem Interesse. Unter der Pyramide produzieren gasbetriebene Kraft-Wärme-Kopplungs-Aggregate neben 75 Prozent des Strombedarfs auch Fernwärme (bis zu 85 Prozent) – bei einer hohen Primärenergieausnutzung von rund 90 Prozent (Großkraftwerke 33 Prozent). Gas-Brennwert- und Ölheizkessel kommen in Spitzenlastzeiten zum Einsatz. Wird vorübergehend nur Strom gebraucht, nimmt ein großer Speicherbehälter die Wärmeproduktion des Blockheizkraftwerks auf. Die 40kW-Photovaltaikanlage auf der Südseite der Pyramide und auf den Garagen, sowie der Generator des Windrotors (Prototyp) können weitere sechs Prozent der benötigten Strommengen liefern. Der Überschuß geht ins öffentliche Netz. Bei fortgeschrittener Technik soll der selbsterzeugte Strom später auch gespeichert werden.

Verbrauchskontrolle auf dem Info-Display

Freie Holzträgerkonstruktionen, große Glasflächen, Beton und Poroton sollen wie in der Pyramide als bewährte Hauptmaterialien auch beim Bau der Siedlungshäuser eingesetzt werden. Schornsteine wird man auf den Dächern vergeblich suchen, knisterndes Kaminfeuer ist umweltbelastend und damit „out“. Lediglich zwei Wärmetauscher für Heizung und Brauchwasser gehören zur häuslichen Grundausstattung. Dem bei Sonneneinstrahlung entstehenden Tropenklima im grünen Dschungel unter dem Pyramiden-Glasdach wird auf energie-optimierte Weise die Wärme entzogen. Neben der Siedlungs-Hausverwaltung ziehen auch das begleitende Ingenieurbüro und Thieles Architektenbüro in das Obergeschoß ein. Die gesamte Energieerzeugung, konsequent auf Vermeidung unnötiger CO2-Emissionen ausgerichtet, wird durch Computersteuerung optimiert. Auf ihrem hausinternen Info-Display können die Bewohner alle Energievorgänge beobachten und Verbrauchshinweise abrufen. So wird zum Beispiel angezeigt, wann „eigener“ Strom zur Verfügung steht, wann etwa die Waschmaschine am kostengünstigsten arbeitet – will man doch auf den teureren und mit mehr CO2 -Emissionen erzeugten Überlandstrom möglichst ganz verzichten. Nicht zu unterschätzen, so Architekt Thiele, sei der umweltpädagogische Effekt des Energie-Displays „gerade für Kinder, die leicht für Umwelt, Technik und Computer zu begeistern sind“. Das magische Kraftpotential der Pyramide wird natürlich ebenfalls genutzt, merkt der energiegeladene Architekt augenzwinkernd an: Pyramiden-Power läßt Zellen vibrieren, regt zum Nachdenken an und kann eingefahrene Verhaltensweisen im ökologischen Sinne positiv verändern. Thiele: „Umweltgerechtes Verhalten setzt ein stark vernetztes Bewußtsein voraus“.

Unversiegelte Wege im autofreien Biotop

In getrennten Wasserkreisläufen nutzen die Bewohner der Öko-Siedlung das in Zisternen gesammelte Regenwasser für die Gartenbewässerung, Waschmaschine und Toilettenspülung. Auch aufbereitetes Brauchwasser läßt sich auf Wunsch nochmals nutzen. Wertvolles Frischwasser wird auf diese Weise eingespart. Das Wohnungseigentumsgesetz macht es bei einer ideellen Teilung des Grundstücks möglich: Alle Autos mit Verbrennungsmotoren werden in eine Sammelgarage am Rande des Wohngebietes verbannt. Erlaubt sind in der Öko-Siedlung nur Elektrofahrzeuge, die direkt an der Pyramide „tanken“ können. Unversiegelte Wege und vernetzte Biotop-Grünflächen bieten Naherholung schon vor der Haustür – zwischen standortgerechten Bäumen, Büschen, Blumen, Heckenzäunen sowie Obst- und Gemüsebeeten. Begrünte Dächer und Fassaden runden die Szenerie in der nach Süden ausgerichteten, verdichteten Wohnbebauung ab. Trotz ideeller Grundstücksteilung soll den einzelnen Wohnhäusern so viel Grundstücksfläche wie möglich als alleiniges Sondernutzungseigentum zugeordnet werden. So bleiben die Kosten für die Pflege der Restflächen im Gemeinschaftseigentum gering. Die verkehrsgünstige Wohnlage (Bus, später auch Straßenbahn) erleichtert den Bewohnern der Öko-Siedlung überdies den Verzicht aufs Auto. Auch mit dem Fahrrad kommt man auf grüner Route an Südsee und Oker entlang durch den Bürgerpark schnell in die City. Einen kleinen Fußweg bis zur Autostraße (künftig Bertha-von-Suttner-Straße) muß auch in Kauf nehmen, wer seinen Hausmüll loswerden will. Konsequente Abfalltrennung und eine eigene Kompostierung sind selbstverständlich.
 
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