Braunschweiger Zeitung vom Dienstag, den 13. Mai 1997

Das starke Signal am Rande Stöckheims – Symbol für eine ökologische Siedlung

Kraftvolle Herztöne aus der Pyramide

Von Harald Duin

Eine Glaspyramide! Magisches Zeichen im Sonnenlicht, Symbol dafür, wie eine schöne Idee trotz bürokratischer Mühlen in die Wirklichkeit hin-übergerettet werden kann. Da kann schließlich jeder kommen und eine "ökologische Siedlung" planen. Wer anders bauen möchte, liegt bei den Behörden leicht daneben. Doch jetzt ist es soweit. 194 Wohneinheiten sollen entstehen: Kuschelig zusammenrückende Häuser in einer Gartenlandschaft. Für die Autos gibt es eine Sammelgarage am Rande.

Und weil das Ganze ziemlich erklärungsbedürftig ist, stehen wir am Montag mit Hans-Harro Thiele schwitzend unter seinem Pyramidendach. 1981 erste flüchtige Skizzen in Thieles Atelier. Allen erklärte der Architekt sodann, er wolle am Rande von Stöckheim Energie sparen, die Umwelt schonen und ein Zeichen für Wohngesundheit setzen. Jetzt, nach 16 Jahren, ist seine Einschätzung klar: "Mein Lebenswerk". Dabei helfen ihm die Architekten Martin Sporrer und Horst Schmied.

Computer-Simulationen
Die Energiekostenrechnung ist x-mal im Computer simuliert worden. Die Pyramide bietet Platz für Büros und ist gleichzeitig das Herz der Siedlung für die Energieproduktion. Blockheizkraftwerke erzeugen durch ihre Kraft-Wärme-Kopplung Strom und Wärme gleichzeitig. Dieses System wird in thermischen Spitzenzeiten durch einen modernen Gas-Brennwertkessel unterstützt.Dazu kommen Photovoltaik-Anlagen auf der Südseite der Pyramide und auf den Garagen. In dessen Spitze läuft außerdem ein Windrotor, der nahezu geräuschfrei Strom liefert.

Info-Display
Die Bewohner können, wenn sie wollen, alle Energievorgänge auf ihrem hausinternen "Info-Display" beobachten und ihr Verhalten energiebewußter steuern. Sie können ihre Haushaltsmaschinen preisgünstig dann laufen lassen, wenn gerade wenig oder kein Strom aus dem öffentlichen Netz kommt. Auf dem Info-Display sollen ferner weitere Dienste wie Außentemperatur, Datum, Zeit, Ozonwerte und der eigene Ressourcenverbrauch grafisch dargestellt werden. Denkbar auch Informationen über Fahrpläne von Bus und Straßenbahn. Für den gesamten Energiebereich gibt es keine Betreibergesellschaft. Die Bewohner sind über ihre Verwaltung entscheidungsfähige Eigentümer der Anlage. Bauherr der Siedlung ist die von Thiele gegründete "KreuzwegNeun Ökologisch Bauen GmbH". Gebaut wird nur dann, wenn der Wohnraum verkauft worden ist. Sollten die Dimensionen ausgereizt werden, entstünde hier nach Thieles Einschätzung die größte ökologische Siedlung Deutschlands – mit einem Aufwand von rund 88 Millionen Mark. Der Quadratmeter Wohnfläche soll etwa 4000 Mark kosten. Der Anreiz ist der, "vernetzt" zu wohnen, sein eigener Energie-Manager zu sein – mit dem "Saft" aus der Pyramide und mit dem schönen Gefühl, etwas ungewöhnlicher zu wohnen.

Pyramide in der Morgensonne

Die Glaspyramide als Symbol für die ökologische Siedlung am südlichen Rand Stöckheims.

Foto: David Taylor

 
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