Braunschweiger Zeitung vom Dienstag, den 06. April 1982

Mehr mit dem Klima leben

Ausstellung über Öko-Architektur

Auch von Harald Duin


Vorsichtige Schritte in eine andere Richtung des Wohnungsbaus. Braunschweiger Architekten
(v.l.) Sporrer, Thiele, Meier, Schmied, Gieseler und Witt. Auf dem Tisch das
"Bio-Solar-Haus" Thieles
(Foto: Hartmut Rosen)

Neue Begriffe können manchmal heillose Verwirrung anrichten. Haben sich die Leute gerade daran gewöhnt, daß beim Bauen das "ökonomische System" die Angelegenheit ganz schön verteuern kann, müssen sie sich beim selben Thema mit dem "ökologischen System" auseinandersetzen, was für manche ungefähr so schlimm klingt, als regne es bei ihnen durchs Dach. Was ist dran an der Mär der Öko- oder auch Biohäuser? Acht Architekten, fünf davon aus Braunschweig, haben versucht, mit einer Ausstellung in der Galerie "KreuzwegNeun" in Melverode ihre Ansätze zu ordnen und verständlich zu machen. Das gelingt ihnen besonders durch die gezeigten Modelle. Diese Ausstellung hat inzwischen so großes Publikumsinteresse geweckt, daß Sie bis einschließlich 18. April verlängert worden ist.

Die Exponate erregten auch die Neugierde von Mitgliedern des Stadtplanungsamts, die von der Idee der Arbeitsgruppe vernahmen, in Braunschweig eine "ökologische Siedlung" zu errichten. Ein 100.000 qm großes Grundstück ist dafür schon ins Auge gefaßt worden, aber Hans-Harro Thiele, der für die Ausstellung sein "Bio-Solar-Haus" vorstellte, bat um Verständnis dafür, daß weitere Einzelheiten noch nicht mitgeteilt werden könnten. Die Sache müsse noch heranreifen.

Es geht wohl auch um die Einebnung bürokratischer Hürden, die einem solchen Projekt in den Weg gestellt werden könnten. Aber die Bauverwaltungen sind gar nicht mehr so ablehnend, seit Fachpublikationen überquellen von Beispielen passiver und aktiver Sonnenenergieausnutzung und gar der Bundesforschungsminister – den Nebeneffekt der Energieeinsparung vor Augen – Pilotprojekte fördert.

So viel Kunstoff ...

Thiele hat im Vorwort des Ausstellungskataloges geschrieben, was ihn stört: "Heute aber unterscheidet sich der kubistische eingeschossige L-Haus-Typ mit Keller-Sockel, 38 Grad-Satteldach und vorgeschriebener Hauptfirstrichtung vom Nordkap bis Sizilien kaum mehr voneinander". Und: "Vollgestopft mit chemischen Stoffen wie Formaldehyd (in Spanplatten und Leimen), PVC, Styrol (in Kunststoffen) Fluor, Anilin, Quecksilber, Arsen (in Farben, Lacken, Teppichen und Tapeten) und Asbest (in Fassadenplatten, Dachschindeln) hat es kaum Landschaftsumgebenes, es wird lediglich dort geheizt, wo es kühl und gekühlt, wo es heiß ist. Ökologie ist im Zeitalter des "Überflusses" nicht mehr gefragt".

Zu den vorsichtigen Schritten in die andere Richtung, mehr auf die klimatischen Wechselwirkungen zwischen Natur und Haus einzugehen, zählt das Braunschweiger Architekturbüro "Giesler + Giesler + Partner" sein Modell. Dieses öffnet sich da, wo ihm die Natur freundlich entgegenkommt, und verschließt sich nach der unwirtlichen Seite.

Als verbindendes Element zwischen drinnen und draußen fällt ein fächerartiger Wintergarten im Süden auf, eine ausgleichende Klimaschleuse, die die aufgefangene Sonnenwärme als passive Energie dem Haus zuführt Nach Norden weist das Haus durch das Einschieben in das Gelände wenig Außenfläche und damit wenig Wärmeverluste auf.

Wohnpyramiden

Horst Schmied entwickelte die Idee der "Wohnpyramiden", ’die sich schachbrettartig um ein Gewächshaus gruppieren, das er als "zentrale Energie- und Klimaquelle" bezeichnet. Die Braunschweiger Architektengruppe "Oekoplan" greifen unter anderem auf das aktive System der Sonnenkollektoren zurück, wollen das Regenwasser auffangen und zur Gartenbewässerung sowie zur Toilettenspülung verwenden. Zur völligen Einsparung des Toilettenspülwassers schlägt die Gruppe eine Komposttoilette vor. Das Braunschweiger Team Witt entwickelte sein "Hüllenprinzip" mit einem Windrotor auf’ dem Spitzdach zur Ergänzung der Stromversorgung. Thiele lagerte seinem Haus solare Wintergärten mit sauerstoffliefernden, Luftfeuchte regu- lierenden subtropischen Blattgewächsen vor. Eine Fülle von Anregungen und Einsichten, auch für den, der zur Miete wohnt. Ohne Zweifel versprechen sich die ausstellenden Architekten, daß diese Ideen nicht Exotik und Utopie bleiben, sondern – natürlich mit ihrer Hilfe – Realität werden.


Konzept von Sporrer und der Gruppe "Oekoplan". Hier fällt die große
Kollektor-Fläche ins Auge, ein System, das mit anderen Energiespartechniken
verbunden wurde.

Die Öffnungszeiten: sonntags 11 bis 13 Uhr, sonnabends 16 bis 18 Uhr, an den übrigen Tagen von 17 bis 19 Uhr.

-ui-

 
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